Das Beben der Nacht

Ich stelle mir vor durch die Nacht zu fahren, durch die nackte, kalte, erregende Nacht. Jene, die einen durch ihre Geheimnisse reizt, eine die in sich verworren und gleichzeitig bedingungslos ist wie das Geheimnis selber. Kein Hunger, kein Durst, nur die unbändige Begierde nach einer nahezu extatischen Freiheit. Egal ob tanzend im Club oder angetrunken durch die Stadt laufend, ob bekifft über die Dächer schauend. In all seinem Sein einfach losgelöst und dabei tanzend, lachend, redend eben diese verbrennende Berührung seiner selbst spürend. Im Hintergrund läuft die Musik deines Lebens, so jung, so verheißungsvoll, so ausschweifend wie es nie mehr sein würde. Alles aufsaugend, das Ganze spektrale Kaleidoskop der Farben. Diese Nacht ist rein, dein Herz ist es auch. Schlagend zum Beat, inhalierend den Rauch, begrüßend den nächsten Tropfen. Egal ob Leben oder Tod, es spielt keine Rolle mehr denn du bist voll, gar überfüllt von jener alles zerberstenden Vitalität. Die gleiche Aufregung spürend, so als stündest du vor allen ersten Malen die jemals waren und jemals sein würden. Denn alles passiert zum ersten Mal, alles ist neu, alles lässt dich mit sich ziehen. Und du schwimmst inmitten einer dichotomischen Verlorenheit. Verloren im Guten, im Bösen. Im nie Gehabten und im allen Gewesen. Vergangenheit und Zukunft vereint in der Gewissheit des gegenwärtigen Moment der Fülle. Da ist kein Druck, kein Wille mehr. Moralität und Ethik verlieren an Wert, was zählt ist die wiederholende Rhythmik der Impulsivität dieser und zahlreich folgender Nächte. Die Bedingung dafür ist der Ausbruch, ein Ausbruch aus deinen vorherrschenden Verhaltensstrukturen, das Überschreiten deiner eigenen Grenzen. Alles zerberstend durchdringen als gäbe es kein Morgen mehr, im Regen gehen bis deine Willenlosigkeit fortgespült ist, jede Entscheidung wertlos. Was bleibt ist Vollkommenheit, geeint mit dem induktiven Äußeren der formlosen Essenz der materiellen Welt. Im Gegensatz zum Tag, macht dich die Nacht nicht zum transparenten Subjekt ihrer selbst. Weder bist du durchdrungen von Ambivalenz, noch getrieben vom Alltag, nein du bist in deinem Wesen geeint mit der grenzüberschreitenden Vereinheitlichung einer undefinierbaren Kraft. Du bist grenzenlos, ganz und gar bedingungslos. Du bist für immer. Jede Berührung tritt in direkten Bezug mit deinem Herzen, dabei schwillt es an bis zur unreflektierbaren Größe, erreicht Lichtgeschwindigkeit, durchbricht jedes Zyklotron. Du bist der einzige Rahmen in dessen sich das Ganze abspielt. Alles bezieht sich auf dich und du beziehst dich auf alles. Ein fusioniertest Ganzes, definiert vom Zeitgeist ganzer Generationen. Geprägt von Rebellion und antisystemischen Denken. Von jedem Regelverstoß bestätigt, genauso wie der Kratzer oder blaue Fleck ein noch so kleines Zeugnis des eigenen anarchischen Vortschreitens auf der Überholspur ist.

Doch nach dem Hoch kommt die Melancholie, kommt sie Sehnsucht nach Gemeinsamkeit, mit sich und dem Universum. Im bestenfalls eine mit jemand Gleichgesinnten, jemand der jene Vertiefung deiner Seele teilt, die Schlucht überschreitet. Einer mit richtigen Ohren für deinen Mund. Diejenige Hälfte welche deinem Herzen die Freiheit schenken und sie dich immer wieder spüren lassen würde. Gemeinsam in den Abgrund schauend, die Verstandlosigkeit überwindend. Die gegenseitige Introspektion vereinend zu aphoristischer Einheit.

Das alles formuliert in mir diesen einen Wunsch, den Wunsch des sich lösen Könnens. Der Wunsch nach inniger Zentralisation. Sich selbst verlieren und dabei finden, als Neubeginn, als erweiterter Erhalt, als die alles beendende Zerstörung. Die Analogie zu Shiva und der Erkenntnis selbst.

Sobald diese einstige Euphorie der Nacht vorbei ist, ergreift einen nur noch Bitternis. Das Herz verschließt sich von selbst, der Tropfen, der Rauch, die Pille verlässt den Körper und übrig bleibst du selbst ohne euphemistische Erweiterung. In der Tiefe lässt sich das Wesen der Welt schlecht erkennen. Der Kern ist vergessen und übrig bleibt die Gleichgültigkeit der apathischen Unmündigkeit. Du schiebst den Coin in den Einkaufswagen, steigst in dein Auto zur Arbeit, machst dich auf den Weg zur nächstliegenden Verpflichtung. Die Nacht ist vorbei, der Tag bricht an und du unterliegst schon wieder dieser selbst auferlegten Begrenzung.

Die Monade der Moderne

Leben tagein, tagaus. Immer zu und ständig. Vorwärts rennend im Hamsterrad, dabei ermüdend und doch so daran gewöhnt. Denn es gibt einem Sicherheit, Beständigkeit. Alles in geordneten Bahnen verlaufend, fällt einem das Sein plötzlich leichter. Man weiß genau was einen erwartet. Manchmal erschwert ist die Motivation zur nächsten Umdrehung, aber im Endeffekt führt eben diese Beständigkeit doch zu mehr Akzeptanz, mehr Zustimmung für das sich wiederholende zyklisch drehende Rad. Lieber das Bekannte wiederholen, als auch nur ein einziges Mal richtig leben, nur ein Mal das Unbekannte spüren zu müssen. Jede Unsicherheit, jedes Stück unbekanntes Land bleibt gefürchtet und verschwiegen, gleicht den weit entfernten Spähren des Weltalls. Ebenso unerforscht und außer Sichtweite. Lieber in Ewigkeit auf der gleichen Ebene verbleiben, als jemals Veränderung bewusst leben zu wollen. Denn Veränderung bedeutet die entschlossene Entscheidung für den Willen zum Mut. Zur Überwindung von Hemmung und Angst. Es bedeutet Zustimmung zu sich und dem eigenen Leben, ihm Auge um Auge gegenüber zu treten. All das in der Bereitschaft sein Ich zu geben und damit alles hinter sich zu lassen. Sicherheit in der Unsicherheit finden, sie begrüßen erscheint geradezu unmöglich. Gewünscht wird eine Garantie und lebenslanges Rückgaberecht für das eigene Existenz, es obliegt der neuzeitlichen Qualitätssicherung eine hohe Lebenserwartung zu gewährleisten. Dafür hingegen entwickelt sich eine neuartige und subtile Kohärenz jenen ausgeprägten Verlusts des Bezugs zu sich selbst und damit dem zum eigenen Denken. Alles unterliegt der Kontrolle, wird gesichtet und dokumentiert. Jeder, der sich dessen entzieht, entschließt sich zur Ausgrenzung seiner selbst innerhalb dieser Gesellschaft. Nonkonformismus ist unerwünscht, gefährlich und zieht unvorhersehbare Folgen mit sich. Denn die durch Systemparalyse erstarrten Menschen haben nur einen Glauben, den an Gehorsam und Folgsamkeit. Ein Volksentscheid wird dabei zum Medienevent und die eigene Stimme für die Funktionalität des Ganzen irrelevant.

Wie schaffen wir es zum autarken und mündigen Denken zurückzukehren? Und damit meine ich nicht jenes Medien begleitete und gestützte Denken, sondern ein solches welches dem transzendenten Wissen einer uns innewohnenden Substanz und Kraft entspringt die wir bei tiefer Bewusstheit jederzeit ansprechen und als Werkzeug des menschlichen Denkens nutzen können ? Ich wünsche mir wieder einen offenen Diskurs, ohne Rechtfertigung und ewigen Mehrwert sprich Profitdenken. Ich wünsche mir Lösungsansätze zugunsten des Menschen als solchen. Kein Materialismus, kein Anspruchsdenken. Dafür reines und unschuldiges Maßhalten und den nötigen Funken an Interesse für die Wahrhaftigkeit der Monaden unserer Zeit.

Der Nabel des Einfachen

Es fühlt sich an als sei man einer grenzenlosen Destruktivität unterworfen. Nichts spielt mehr wirklich ein Rolle, geredet wird nur noch über Nichts sagendes. Alles dreht sich, jedoch nicht im Interesse des Lebens. Alles zeigt sich, eben nur nicht von seiner spektral vielfältigsten Seite. Gelebt wird mit und während einer Schnelligkeit die alles lose Daliegende mit sich reißt. Damit auch wirklich alles unentschlossene, willenlose und unmündige mit einer statischen Effektivität letztendlich dem Konstrukt des Destruktiven unterliegt. Jene fein definierte Neutralität des gegenwärtigen Rationalismus bestärkt den Ursprung des schon längst Bekannten, des sich immer Wiederholenden. Und damit entfällt alles dem Innersten entspringendem, eine Knospe deren Aufblühen unterbunden wird und das fortwährend. In sich ruhend, verborgen und unentwegt darin bestrebt zur wahren Entfaltung zu kommen. In freudiger Erwartung den richtigen Zeitpunkt erwartend, bricht der Winter über sie herein und verstrichen ist die Chance auf Flucht vor der Ewigkeit. Hirn- und Verstandlos immer weiter drängend, befindet sich das Säugetier in dem ständigen Zustand der Ruhelosigkeit. Neue Reize finden keinen Anklang mehr, denn die Schwelle dafür liegt mittlerweile viel zu hoch. Will man berührt, erregt werden braucht man das Extrem. Alles andere wirkt nur betäubend, nichts von dem ewigen Halbschlaf erahnend verbirgt man sich im Schleier der Entfremdung. Alles begehrt den Komfort, die Beruhigung, die Lähmung des mündigen Geistes. Ein ehrliches Ziel nicht mehr definierend begibt sich der Mensch in die Fänge der Lethargie. Hauptsache die Tagesschau läuft nebenbei in Enddlosschleife. Wann verlernten wir das Schweigen, seit wann wird gesprochen nur des Sprechens wegen? Der Zweck der Zeilen, die Bedeutung der Sprache entblößt und vergisst sich. Alles gefangen im stetigen Plätschern der frohlockenden Ahnungslosigkeit, dabei ohne Dankbarkeit und ohne das Begehren nach der Überwindung gewohnter Ordnungsstukturen. Darauf bedacht das Panoptikum niemals zu verlassen, sich ein Heim darin zu schaffen. Struktur und Gewohnheit bestimmten die Langeweile des Alltags. Der darin verwobene Konsum übertüncht die innere Leere erfolglos. Ein jeder spürt die selbst auferlegte Täuschung, kaum jemand versucht ihr zu entgehen. Apathisch und strukturlos, wie eine einheitlich breiige Masse erstreckt sich sie Zeit unseres Lebens und alles bleibt willenlos haftend an der Oberfläche dieser künstlich strahlenden Welt. Das Kaleidoskop dreht sich nicht mehr, die Farben bleiben überschattet und alles spektrale verliert sich im Grau des dumpf pochenden Gefühls hinter der eisernen Stirn. Augen die nicht mehr sehen, Münder die keine Wahrheit mehr kennen.

So möchte ich meinen Blick wieder schärfen, möchte Farben wieder sehen lernen. Wie ein Schwamm den Pathos der Zeit aufsaugen und ihn zu meinem Schicksal machen. Darin versinken und der äußeren Sinnlosigkeit entkommen. Doch halt-und kraftlos blicke ich jenem Unterfangen entgegen, das mich erwartet. Ein Leben in Einheit, ein Leben in zügelloser Verschwendung. Der Wunsch nach der Unterdrückung jener Euphorie des Konsums und sich simultan schwelgend in der Verzückung des Einfachen zu begeben. Nach den Ursprüngen zu graben, immer tiefer und dabei des Wahnsinns zwar nahe doch der Wahrheit noch näher zu sein. Der Wunsch nach reiner Authentizität, dem unverblümten existenziellen Sein.

Sich selbst dabei genügend, mir gegenüber und dem Außen. Bindungen spüren, Vernetzungen annehmen, dem Lauf der Dinge freudig erwartend entgegenblicken. Möchte hier sein um neue Anekdoten zu schaffen, welche mit mehr Vertrauen in das Unbeständige einhergehen. Die Unsicherheit annehmen und in ihr die ersehnte Ruhe finden. Zum Nabel des Einfachen zurückkehren und sich dabei selber finden.

Seelenräuber

Die einen sind für sie empfänglich, andere lässt sie völlig kalt: Die Angst. Gerade zum jetzigen Zeitgeschehen der Corona Krise erscheint sie einem jedoch allgegenwärtig und immer wieder präsent im Bewusstsein. Erschreckend mit anzuschauen ist dabei, dass sich so viele Menschen von ihr lenken und einschüchtern lassen. Nicht nur im Bezug auf Corona, sondern ganz allgemein lähmt und unterdrückt diese Angst. Besonders jener Unsicherheit, dreht sich das Gedankenkarusell immer schneller, während das Ich dabei völlig verloren geht. So als sei man auf der Schnellstraße nur mit dem Fahrrad unterwegs, alles zieht an einem vorbei und man selber bleibt auf der Strecke. Dabei frage mich wie unsere Vorfahren mit diesem, die Kehle zuschnürenden Gefühl der Angst und Panik umgegangen sind. Vielleicht ging es dabei einfach um das alles oder nichts Prinzip, Leben oder Tot, Kampf oder Flucht, Sein oder nicht sein. Ein Entsagen jeglichem Bestand, ein Loslösen von allem. Angst entsteht aus Bindung, sobald man sich an etwas gebunden hat, besteht die Möglichkeit des Verlustes. Egal, ob es den eigenen Körper in Bezug auf eine Krankheit, die neue Jobanstellung, ein Familienmitglied oder die Seele geht. Sobald man sich mit dem eigenen Ich, dem Kern und dem Dasein im Allgemeinen identifiziert, liefert man sich der Angst schonungslos aus. Nur aus dem Mut heraus sich von diesen Narrativen zu lösen entsteht Befreiung. Wer schon einmal in einem tiefen Zustand der Meditation war, kann vielleicht dieses „sich nicht lösen können“ nachvollziehen. Man hat sich gebunden und das Lösen von allem birgt ungeahnte Furcht. Dem Nichtsein gegenübergestellt, empfindet der Geist, unser Wesen ein Verlust. Dabei gibt es kein Gewinnen oder Verlieren, da sind keine Extreme. Alles ist ein Kommen und Gehen, es ist ein Zustand und ein Zustand kennt kein positiv oder negativ, er IST einfach. Genauso verhält es sich mit der Angst: Sobald ich meinen ersten Atemzug tätige, besteht die Möglichkeit das dieser mein letzter sein könnte. Jede Sekunde existiert in der Option des Lebens oder des Todes. Alles Fluss des Werdens und des Vergehens, unablässig und fortwährend.

Die Zeit, die Zeit.

In Martin Suters gleichnamigen Roman ist genau diese Zeit dem eigenbrötlerischen Protagonisten Knupp ein Dorn im Auge. Der Witwer verfolgt einen ausgeklügelten Plan um den Dorn, jenen der Illusion von Zeit, ein endgültiges Ende zu bereiten und damit zu ziehen. Was er alleine jedoch nicht zu schaffen vermag, wird mithilfe seines jüngeren Nachbarn Taler nach und nach möglich und damit zur Wirklichkeit. Beide sind zwar schon seit langem Nachbarn, lernen sich jedoch erst durch die Suche Talers nach dem Mörder seiner Frau kennen. Was für Taler als verrücktes, unsinniges und teils aufgezwungenes Mitwirken begann, entwickelt sich im Laufe des Buches zu dem echtem Glauben an das tatsächliche Eintreten Knupp’s Plan und seiner Realisierung bzw. dem Eintreten seines Ergebnisses. Dieser verfolgt dabei das Ziel eine detailgetreue Wiederherstellung des Zustandes seines Eigenheims, sowie dem dazugehörigen umliegenden Radius, wie er auf einem Bild vom 11. Oktober 1991 dargestellt ist zu verwirklichen. Von der exakten Nachbildung erhofft sich Knupp die Möglichkeit des Wiedereintritts des Zustandes zu genau diesem Tag und somit einem Zustand, an dem seine Frau noch lebte.

„Die Zeit vergeht nicht, alles andere vergeht. Die Natur. Die Materie. Die Menschheit. Aber die Zeit nicht. Die Zeit gibt es nicht.“

Die Veränderung

Unsere Vorstellung von Zeit ist subjektiv, laut Einstein relativ und trotzdem eine feste Konstante in unserem Leben, ohne jene wir den Halt verlieren würden. Und natürlich erfahren wir Zeit als etwas reales, beispielsweise wenn der Bus in fünf Minuten kommt oder es noch drei Wochen bis zum lang ersehnten Urlaub sind. Es ist fast schade, dass man sich eine Welt ohne Zeit gar nicht vorstellen kann. Dabei ist das einzige charakteristische der Zeit die Veränderung. Ohne eine Veränderung von Zellen, materiellen Zuständen, Veränderungen der Umgebung und des Selbst in dieser wäre eine lineare Vorstellung von Zeit gar nicht existent. In Gegenwart eines sich nie verändernden Zustandes, wäre die Zeit als solches obsolet. Doch existiert sie nunmal diese Zeit und ein Umgehen erscheint, auch nach Knupp’s Vorstellung, nahezu unmöglich. Vielmehr sind wir immer mehr Getriebene in der uns umgebenen strukturellen Form der heutigen Zeit. Wörter wie Zeitmanagement, Zeitdruck und Zeiteffizienz bestimmen den Alltag. Die Kinderserie Momo hat es schon längst auf den Punkt gebracht, indem die Zeitsparer als Lebenszeitverschwender entlarvt wurden.

Das Leitmotiv

Im medizinischen Bereich und dabei in der Radiologie im Speziellen, kommt man täglich mit vielen schweren Schicksalen in Kontakt und oft bekomme ich von Patientinnen zu hören, man hätte sich immer Zeit für andere genommen. Man hielt die Stellung auf Arbeit, versorgte Mann und Kind(er), pflegte bedürftige Familienmitglieder, jonglierte mit Haushalt und Beruf. Ein Hetzten von A nach B, die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund rückend. Viele stellten diese immer wieder hinten an und ernteten viele Jahre später das Resultat, das Ergebnis eines so lange ungehörten Hilferuf’s des Körpers. Natürlich spielen noch andere Faktoren wie Karzinogene, eine frühe oder späte Menage, Adipositas usw. eine Rolle. Dennoch erleben wir genau dieses Phänomen in einer ermüdeten Gesellschaft immer öfter. Krankheiten, resultierend aus dem vorherrschenden Phänomen des Zeitmangels. Und diese Schnelligkeit nimmt immer mehr an Fahrt auf, schneller zur Arbeit, nach Hause zum Sport usw. Wann haben wir das letzte Mal etwas langsam gemacht ? Wann sind wir das letzte mal wirklich bei uns angekommen? Wie nehmen wir uns eigentlich Momente der Ruhe?

Rückkehr zum Ursprung

Gerne würde ich alle Aspekte ausführen wollen, die jene Zustände der Welt im Bezug auf den Umgang mit Zeit beleuchten, aber das wäre zu umfassend. Gerade weil die Zeit etwas ist, dass so subjektiv erfahren wird und für jemanden der kein Studium der Quantenphysik hat kaum begreifbar ist. Es ist mir jedoch wichtig ein paar grundlegende Dinge dieser Problematik offen darzulegen. Gerade meine Generation der Mittzwanziger unterliegt großen Missständen im Bezug auf sinnvoll genutzte Zeit. Durch Ablenkung und Konsum kommen wir unserem wahren Kern nicht wirklich näher. Anstatt dem Wiederherstellen des Urzustandes einer natürlichen Lebensweise, ziehen wir uns gerade in der Corona Epidemie immer weiter zurück ins Private und bevorzugen ein Dasein in inhaltsloser Unbewusstheit. Anstatt der Meditation, des Lesens und Lernens, der Ausübung sportlicher Betätigung und dem Auseinandersetzen mit inneren Bedürfnissen, unterliegen wir medialer Ablenkung, substanzieller Betäubung und verlieren uns damit im dichten Nebel der immer weiter fortschreitenden Selbstentfremdung. Kostbare Zeit, die uns hier bleibt wird verschwendet und gedankenlos in Lebenszeit verkürzende Güter investiert. Das Konstrukt erscheint mir undankbar und selbstverschuldet. In einer Zeit in welcher die Destruktivität gefördert, in Enthumanisierung investiert und unablässig angstgerichtetes Gedankengut stetig wächst, fällt es schwer zu seinen Wurzeln zurückzufinden. Doch ein jeder trägt die dafür benötigten Qualitäten in sich, man darf nur der permanente Ablenkung nicht nachgeben und sich die Zeit nehmen die man braucht. Jeder in seinem eigenen Tempo. Wie wäre es dabei mal ein Bild zu malen, Gitarre oder eine neue Sprache zu lernen. Blumen, Tomaten oder kleine Kräuter lassen sich auch in der Wohnung pflanzen, ein Stift und Papier sind schnell gegriffen. Es gibt viele Möglichkeiten sich ein paar Momente für sich einzuräumen, ohne Druck, ohne Ziel, einfach sein. Und langsam, egal ob beim Tanzen, Lesen oder Musizieren, verschwindet die Vorstellung von Zeit vollständig. Man selbst ist grenzenlos versunken und jede Vorstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verliert seine Bedeutung.

Collage

Eine selbstgemachte Collage mit Bildern und Zitaten von Tumbler und aus der Monde de diplomatique. Ein Versuch des kreativen Ausdrucks. Den Geist zu entleeren fällt schwer, ein Ventil zu finden für die täglichen Eindrücke. Wie bringt man sein Inneres nach Außen ? Hesse arbeitete zeitweilig seines Lebens mit Aquarellen. Er kopierte nicht schon längst vorhandenes (- so wie ich -), sondern erschuf mittels seiner Vorstellungskraft Texte und Kunstwerke, die heute noch Präsenz haben. Ein Vorbild. Ich will mich nach einer 40 Stunden Woche nicht willenlos vor Netflix setzten, um mich noch weiter in unbewussten Sphären aufzuhalten. Die Sehnsucht nach dem Erschaffen, dem produktiven Tätigwerden (- Fromm -) ist groß. Der überfüllte Geist giert nach Entleerung, nach Bewusstheit und Ankommen in einer Welt der Rastlosigkeit.

Bedingungslos

Aus: Also sprach Zarathustra. – Nietzsche

4 Wöchige Frankreichreise 2020 durch die Pyrenäen und Atlantikküste. Bild entstand, als wir random einem Wanderer hinterherliefen, der schon seit drei Monaten unentwegt unterwegs war. Es führte uns mitten in ein unberührtes Tal an dessen Ende wir einen kristallklaren Bergsee auffanden. Wunderschön, ruhig, friedlich und erhaben. Eine unvergessliche Zeit mit zwei ganz besonderen Menschen. Ich bin dankbar für diese Erfahrung.

Wir sind bedingungslos auf diese Erde gekommen.

Wirrnisse des Selbst

Einmal in Vergessenheit üben, einmal in Vollkommenheit baden, im Desaströsen versinken, die brennende Luft atmen, den fremden Schmerz spüren, die Synergie erleben. Doch alles scheint wie gehabt, die Dinge der Zeit sind noch da und binden uns an jenen, uns so bekannten Raum der Gewohnheit. Dabei lechzt du nach Unvernunft, Risiko, Abtrünnigkeit, willst berührt werden, allem entsagen und die Ketten lösen. Und doch lässt du ihn in dir, sperrst ihn weg diesen Drang, diese Begierde, die unbeschreibliche Sehnsucht nach mehr. Jene nach dem intensiv duftenden Grün der in deinen Tiefen verborgenen Wildnis, jene nach einem exzessiv alles entsagendem Tanz. Diesem Drang nach dem Welten verschlingenden Ungestüm deines Seins. Langsam verlierend im Konstrukt der alltäglichen Konventionen, folgst du dem Narrativ der Normalität und übrig bleibt diese klebrige Belanglosigkeit. Da ist kein Drang mehr, keine Begierde, kein loderndes Feuer, dafür nur noch die Routine und ein latenter Hauch inhaltslosen Smalltalks, der dein Wesen langsam benebelt. Ein Fremder im Wahnsinn des Zeitgeistes, dein Blick getrübt von verlorener Hoffnung, eingepfercht in die Norm einer ganzen Generation. Wild war gestern, Ziellos ist jetzt. Wagnis als solches bleibt uns unbekannt und das Unbekannte an sich weitgehend gefürchtet. Verloschen ist die Wärme des inneren Feuers, jene des ehemaligen Antriebs, des Strebens nach Potenzial und Entfaltung. Das wilde Verlangen verblasst und übrig bleibt eine Mischung aus ernüchternder Langeweile und dem sich wiederholendem Trott. Und so kommt es dazu, dass man beim Versuch diesem desolaten Zustand zu entfliehen, ja ihn zu übertünchen, jenem Konsum erliegt der mit seinem falschen Glanz frohlockt und sich dabei der Geist langsam entleert und die Seele zunehmend verstümmelt. Des Nachdenkens dabei überdrüssig bleiben Zarathustras Worte ungehört, die Münder der Großen nicht mehr verständlich für heutige Ohren und das Wesentliche verklärt. Alles ergießt sich dem affektiven Diskus über neoliberale Wahrheit, während die Mündigkeit immer weiter verloren geht. Apathie und Verdrossenheit sind die Schlagwörter einer Debatte die keinen mehr Interessiert. Vermieden wird die Konfrontation mit dem eigenen Ich und betäubt bleibt der einstmals verschlingende Drang nach Veränderung und Tatendrang. Am Ende des Tages schwirren nur noch Fragen bezüglich des Essens, der Film-oder Serienauswahl, der Kleiderwahl für den kommenden Tag oder der Erwägung einer Buchung zum nächsten Reiseziel, in dem Kopf einer verlorenen Seele.

„Wir behandeln uns wie ein Produkt und sind enttäusch, weil jeder nur auf uns’re Packung kuckt“ Käptn Peng